Rassespezifische Zuchtstrategien
Die zum Teil explosionsartige Zunahme von genetischen Defekten führt zur Notwendigkeit klassische Zuchtstrategien zu überdenken. War noch vor wenigen Jahren die Präsentation eines Hunde auf Ausstellungen mit entsprechend positiver Bewertung sowie allenfalls ein günstiger HD-Befund ausreichende Voraussetzung für die Zuchtzulassung so sind in vielen Rassen heute eine zum Teil unüberschaubare Anzahl an speziellen Untersuchungen notwendig oder vorgeschrieben um die Anforderungen an die Zulassung zur Zucht zu erfüllen. Daneben bleiben aber auch andere Beurteilungskriterien unverändert wichtig, wie Formwert, Typ, Wesen oder spezielle Leistungen. Dazu kommt die verbreitete Forderung vieler Züchter, dass nur das beste gut genug ist für die Zucht.
Berücksichtigt man aber das ebenso klassische englische Sprichwort "Nobody is perfect" dann zeigen sich insbesondere ob der Vielfalt an Forderungen für das was als "das Beste" für die Zucht geeignet erscheint sehr schnell die natürlichen Grenzen dieser Zuchtstrategie.
Die Lage der Hundezucht
Bei kritischer Betrachtung erscheint die Situation in der sich die moderne Rassezucht befindet fast hoffnungslos zu sein. In den meisten Rassen gibt es mehrere genetische Defekte oder Dispositionen, die es zu bekämpfen gilt. Diese sind zum Teil in großer Häufigkeit vertreten. Dazu kommt, dass in den oft recht kleinen Rassepopulationen durch generationenlange Bevorzugung von Linienzuchtstrategien und übermäßigen Einsatz einzelner Zuchtrüden ein zum Teil sehr hohes Inzuchtniveau vorliegt. Ein weiteres Problem ist, dass in zunehmendem Maß der Gesetzgeber sich in den Bereich der Hundezucht einmischt, sei es durch Stigmatisierung bestimmter Rassen, die als besonders gefährlich definiert werden, sei es durch Qualzuchtverbote oder durch die Bestimmungen des Kaufrechtes, die Züchter auch nach dem Kauf in die finanzielle Verantwortung nehmen. Und neben all dem sollen ja auch die primären Zuchtziele der Rassehundezucht nicht ganz außer acht gelassen werden. Aus zuchtstrategischer Sicht eine fast ausweglose Situation. Und auch die an sich hoffnungsvolle Entwicklung veterinärmedizinisch diagnostischer Verfahren bietet auf den ersten Blick kaum wirkliche Lösungsansätze. Denn die Zuchttiere müssen zum Teil eine Vielzahl an unterschiedlichen Untersuchungen über sich ergehen lassen und unterschiedliche sonstige Anforderungen erfüllen um zur Zucht zugelassen zu werden.
Die Situation, die sich dann in vielen Fällen ergibt ist, dass es keine oder nur ganz wenige Hunde gibt, die alle Anforderungen erfüllen. Die Hunde, die im Formwert entsprechen weisen einen ungünstigen HD-Befund auf, HD-freie Hunde haben eine Augenerkrankung oder einen Defekt am Herzen, und Hunde die in allen Screeninuntersuchungen negativ befundet wurden, sind im Formwert ungenügend. Je mehr unterschiedliche Merkmale im Rahmen der Selektionsentscheidung mit berücksichtigt werden müssen umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit dass ein einzelner Hund alle Zuchtvoraussetzungen erfüllt. Legt man die Problematik auf die Populationsebene um, ist die Konsequenz allzu vieler Zuchtziele ein eingeschränkter möglicher Selektionserfolg für jeden einzelnen Parameter. Man kann sich das durch ein kleines Zahlenspiel verdeutlichen. Bei Berücksichtigung mehrerer Zuchtziele reduziert sich der mögliche Selektionserfolg für jedes einzelne Merkmal auf einen Anteil, der sich mit der Formel (1/?n) berechnen lässt. Dabei ist "n" die Zahl der berücksichtigten Kriterien. Die folgende kleine Tabelle zeigt nun wie stark die Reduktion des möglichen Zuchterfolges bei Selektion auf mehrere Merkmale gleichzeitig ausfällt:
| Anzahl bei der Selektion berücksichtigte Merkmale | möglicher Selektionserfolg pro Merkmal |
|---|---|
| 1 | 100% |
| 2 | 71% |
| 3 | 58% |
| 4 | 50% |
| 5 | 45% |
| 6 | 41% |
| 7 | 38% |
| 8 | 35% |
| 9 | 33% |
| 10 | 32% |
Bereits bei vier gleichzeitig berücksichtigten Merkmalen sinkt der mögliche Selektionserfolg für jedes Merkmal auf die Hälfte. Wenn man also ganz grob gesagt auf Körperbau, Typ, Wesen und HD selektiert kann man bei jedem dieser Merkmale nur die Hälfte des Zuchtfortschrittes erwarten, der bei ausschließlicher Selektion auf eines dieser Merkmale zu erwarten wäre. Ab etwa acht Merkmalen ist nur mehr ein Drittel des möglichen Selektionserfolges zu erwarten. Wenn also zusätzlich zu den oben genannten vier Kriterien noch bestimmte Leistungen gefordert werden und in der Rasse noch Augenerkrankungen, Herzerkrankungen und Schilddrüsenunterfunktion dazukommen braucht man genau genommen drei Generationen um den gleichen Zuchtfortschritt zu erzielen, wie wenn man nur eines dieser Merkmale verbessern müsste.
Bei all dem ist das Problem der genetischen Varianz noch nicht berücksichtigt. Denn je weniger Hunde tatsächlich in allen Merkmalen soweit entsprechen, dass sie als zuchttauglich beurteilt werden können umso geringer ist die genetische Varianz, die an die Folgegeneration weitergegeben wird. Bedenkt man zudem dass in vielen Rassen auf der Basis einer kleinen Anzahl von Gründertieren, kleiner effektiver Zuchtpopulationen, Favorisierung von Linienzucht und übermäßigem Zuchteinsatz einzelner Rüden die genetische Varianz als sehr gering angenommen werden muss, dann ist jede züchterische Maßnahme, die die genetische Varianz weiter verringert als existenzbedrohend für die betroffene Rasse anzusehen.
Das Hauptproblem vieler Rassen besteht somit darin, dass die unvermeidliche Notwendigkeit besteht gegen eine zunehmende Anzahl und Häufigkeit genetischer Defekte züchterisch vorzugehen dies aber in einer Form geschehen sollte, dass die oft ohnehin schon geringe genetische Vielfalt einer Rasse nicht noch dramatisch weiter reduziert wird.
Auch wenn es für diese Problem keine wirkliche Patentlösung gibt, so gibt es doch Möglichkeiten für jede Rasse eine bestmögliche Strategie zu erarbeiten. Das erfordert zwar in manchen Fällen ein gewissen Umdenken der Züchter - insbesondere dann, wenn in einer Rasse etwas "erlaubt" ist, was in anderen Rassen "verboten" ist. Aber nur bei einer auf jede einzelne Rasse abgestimmten Zuchtstrategie kann der Anspruch nach bestmöglicher Bekämpfung genetischer Defekte, bestmöglichem Zuchtfortschritt in erwünschten Merkmalen und bestmöglichem Erhalt der genetischen Varianz erfüllt werden.
Der erste Schritt: die Analyse
Jede rassespezifische Zuchtstrategie beginnt mit einer Analyse des Ist-Zustandes. Dabei geht es darum zu erfassen welche Probleme in welcher Häufigkeit in der aktuellen Zuchtpopulation tatsächlich vorliegen und welche Lösungsmöglichkeiten für jedes Problem es grundsätzlich gibt. Zu klären sind somit zunächst folgende Fragen:
- welche Erbfehler bzw. Dispositionserkrankungen treten in der Zuchtpopulation auf.
- in welcher Häufigkeit treten die einzelnen Defekte auf.
- ist der Erbgang bzw. die Heritabilität der Erkrankungen bekannt und welcher Erbgang liegt vor bzw. wie hoch ist die Heritabilität.
- gibt es für die vorhandenen Erkrankungen etablierte Screeningverfahren
- gibt es für die vorhandenen Defekte molekulargenetische Nachweisverfahren für die jeweilige Rasse
- welche sonstigen Merkmale sollen in der Population züchterisch bearbeitet werden
- wie groß ist die Population
- wie hoch ist das Inzuchtniveau der Population.
Die einzelnen Fragen so zu bearbeiten, dass das Ergebnis auch die tatsächliche Rassesituation widerspiegelt ist nicht ganz einfach. Die erste Frage nach der Art der vorhandenen Defekte lässt sich noch relativ einfach klären, hier hilft allenfalls auch ein Blick in die Literatur [siehe z.B. hier] oder in entsprechende Internetdatenbanken. Schwieriger wird es schon wenn es um die Häufigkeit von Erkrankungen in der jeweiligen Population geht. Denn hier schlägt immer wieder mal die züchterische Mentalität des Verschweigens durch. Der Unterschied zwischen dem was über die Häufigkeit einer bestimmten Erkrankung von Züchtern bzw. Zuchtverbänden zugegeben wird und der tatsächlichen Häufigkeit ist oft gewaltig. Es gibt aber auch Positivbeispiele von Zuchtverbänden, sie sich sehr realistisch mit den Problemen ihrer Rasse auseinandersetzen und die notwendigen Informationen ganz öffentlich kommunizieren [siehe z.B. hier]. Aber auch in diesen Fällen muss man von einer nicht ganz wirklichkeitsnahen Darstellung ausgehen, da in erster Linie Informationen über Tiere gegeben werden, die eine bestimmte Krankheit nicht haben. Kennt man die Population gut kann man sich aus dem Anteil der Tiere von denen keine Informationen über Defektfreiheit vorliegen in etwa den Anteil an Tieren mit dem betreffenden Defekt ableiten, im allgemeinen muss man aber von einer recht hohen Dunkelziffer ausgehen. Konkrete Angaben über die Häufigkeit von Defekten in Hunderassen sind daher üblicherweise mehr oder weniger stark unterschätzt.
Möglichkeiten zur Erfassung der Häufigkeit von Defekten sind aber auch gezielte Studien über Fragebögen oder Besitzerbefragungen. Dies kann z.B. im Rahmen von wissenschaftlichen Studien, Diplomarbeiten oder Dissertationen gemacht werden oder von den Zuchtverbänden selber durch Auflegen von entsprechenden Fragebögen [siehe z.B. hier]. Die Relevanz der Ergebnisse einer solchen Studie ist umso größer je sorgfältiger die Studie geplant ist und je repräsentativer die Stichprobe der erfassten Hunde ist.
Der zweite Schritt: die Gewichtung
Dieser Schritt ist sicherlich die größte Herausforderung, gilt es hier doch Prioritäten zu setzen bzw. zu definieren. Ausgangspunkt jeder Gewichtung ist sicher einmal die Verwendung einer Rasse bzw. die Verwendung die ein Züchter für die von ihm gezüchteten Tiere anstrebt. So werden für Rassen die üblicherweise als Gebrauchshunde eingesetzt werden andere Gewichtungen gelten, als für Rassen, die ihre Erfolge in erster Linie im Ausstellungsring sammeln. Diese Gewichtung soll aber hier gar nicht besonders thematisiert werden, hier hat sicherlich jeder erfahrene Züchter und auch jeder Zuchtverband eine bestimmte Vorstellung von dem was bei seiner Rasse besonders wichtig ist.
Was hier angesprochen werden soll ist die Gewichtung von gesundheitsrelevanten Merkmalen. Das heißt also von solchen Merkmalen bei deren Vorliegen Gesundheit, Wohlbefinden, Lebensqualität und/oder Lebenserwartung der betroffenen Hunde beeinträchtigt werden. Hundezüchter und Verbandsfunktionäre, aber auch Formwertrichter, also alle die in irgendeiner Form das züchterische Geschehen beeinflussen, haben üblicherweise keine veterinärmedizinische Ausbildung. Daher werden Rassemerkmale auch im allgemeinen zumindest primär nicht aus veterinärmedizinischer Sicht bewertet. Und auch bei den klassischen Zuchtstrategien wird das Thema Gesundheit nicht primär als Vordergrundthema angesehen. Und obwohl ganz offiziell die Zucht gesunder Rassehunde bei Zuchtverbänden und Züchtern erklärterweise die höchste Priorität hat, so sieht das in der Praxis doch sehr oft ganz anders aus. In vielen Fällen hat das das einfach auch damit zu tun, dass die Zuchtverantwortlichen auf Grund fehlender medizinischer Ausbildung viele gesundheitliche Probleme nicht richtig einschätzen können, und zwar weder in Bezug auf ihre Bedeutung für den betroffenen Hund noch in Bezug auf ihre züchterische Bedeutung für die Population. Die Rechnung zahlen dann meistens die Hunde bzw. deren Besitzer und das zum Teil im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Krankheiten von Hunden kommen deren Besitzern nicht nur in emotionaler Hinsicht teuer zu stehen.
Der Krankheitswert
Der Krankheitswert eines Merkmals ist ein wichtiger Aspekt im Kontext einer rassespezifischen Zuchtstrategie.
Er umfasst die folgenden Überlegungen:
- in welchem Ausmaß sind mit dem betreffenden Merkmal Schmerzen für den Hund verbunden?
- in welchem Ausmaß ergeben sich aus dem betreffenden Merkmal Behinderungen für den Hund?
- in welchem Ausmaß ist durch das betreffende Merkmal die Lebenserwartung des Hundes beeinträchtigt?
- ist die Gesundheitsstörung, die sich aus dem betreffenden Merkmal ergibt, behandelbar?
- mit welchem Aufwand an Zeit, Geld und Stress ist eine mögliche Behandlung verbunden?
- in welchem Ausmaß wird die Lebensqualität der Besitzer durch den Defekt beeinträchtigt?
Der Zweck dieser Überlegungen ist, dass nach Möglichkeit in erster Linie diejenigen Merkmale züchterisch zu bearbeiten sind, die mit einem höheren Krankheitswert verbunden sind.
Die Einschätzung des Krankheitswertes sollte sich auch nicht nur auf als Krankheiten definierte Veränderungen beschränken sondern auch jene Rassenmerkmale miteinbeziehen, die als krankheitsrelevant im Sinne von Qualzucht zu verstehen sind.
Den Krankheitswert bestimmter Merkmale und Defekte klar zu definieren ist schwierig und erfordert einerseits eine intensive Kooperation zwischen Züchtern und Veterinärmedizinern, anderseits oft aber auch entsprechende Studien am besten direkt in den Populationen für die der Krankheitswert eines Merkmals bestimmt werden soll. Solche Studien sollten die Frage beantworten, welche gesundheitlichen Konsequenzen in einer bestimmten Rasse tatsächlich mit einem bestimmten Befund verbunden sind. So wäre z.B. die Fragestellung einer solchen Studie ob der Befund "HD-leicht" in einer bestimmten Rasse tatsächlich mit der Prognose einer Hüftbedingten Lahmheit verbunden ist. Oder ob ein auf einer geringgradig ausgeprägten Aortenstenose beruhendes Herzgeräusch bei Hunden der betroffenen Rasse tatsächlich die Lebenserwartung beeinträchtigt.
Ein Aspekt der in diesem Zusammenhang sowohl von Züchtern als auch von Veterinärmedizinern bedacht und berücksichtigt werden muss, ist dass in einer Situation wie der heutigen Hundezucht, der Anspruch an eine Gesundheitsgarantie für Rassehunde schlichtweg nicht erfüllbar ist. Speziell Veterinärmediziner mit Spezialisierung auf einen bestimmten Bereich neigen dazu, genau diesem Bereich die höchste Selektionspriorität zuzuordnen. So wird der Radiologie wohl immer dazu neigen, ein röntgenologisch gesundes Hüftgelenk als das ultimative Zuchtziel zu betrachten, der Kardiologe wird eine durch Dopplerultraschall festgestellte Strömungsanomalie des Herzens als besonders krankheitsrelevant betrachten und der Zahnspezialist wird allenfalls sogar den fehlenden P1 als für einen Zuchthund nicht akzeptable Anomalie einstufen. Im Grunde haben sie auch alle Recht. Und wenn eine Rasse wirklich keine anderen Probleme als fehlende P1 bei einzelnen Hunden hat, würde ich auch dafür plädieren diese Hunde nicht unbedingt zur Zucht zu verwenden. Wenn aber der fehlende P1 bei einem Hund einer Epilepsie bei anderen Hunden gegenübersteht oder ein nicht ganz eindeutig HD-freies Hüftgelenk in einer Population mit einer hohen Frequenz von dilatativer Kardiomyopathie auftritt, dann ist in jedem Fall das geringere Übel, also der Defekt mit dem geringeren Krankheitswert bei einem Zuchthund akzeptierbar. Insbesondere dann, wenn die Alternative in einem Aussterben der Rasse besteht.
Was in diesem Zusammenhang ebenfalls nochmals betont werden sollte ist, dass insbesondere in Populationen mit einer hohen Frequenz von Defekten mit hohem Krankheitswert Formwertfehler keine oder nur eine ganz untergeordnete Rolle spielen sollten. Es kann nicht angehen, dass in einer Rasse ein Hund eher ein Zuchtverbot bekommt, wenn er irgendein unerwünschtes Farbmerkmal hat als wenn er einen krankheitsrelevanten Defekt aufweist. Der authentische Ausspruch einer mir bekannten Dalmatinerzüchterin, dass sie lieber einen tauben Hund zur Zucht einsetzen würde als einen mit der bei Dalmatinern unerwünschten Plattenscheckung, zeigt, dass diese Überlegung bei Hundezüchtern bei weitem keine Selbstverständlichkeit darstellt. Und ich möchte nicht wissen, wie viele gesunde Hunde nicht in der Zucht verwendet wurden, weil sie zu helle Augen oder irgendwo einen verbotenen weißen Fleck hatten.
Der dritte Schritt: die Umsetzung
In der klassischen Populationsgenetik stehen für die Verknüpfung mehrerer Eigenschaften in der Selektionszucht grundsätzlich drei verschiedene Verfahren zur Verfügung.
Die Tandemselektion: Bei dieser Methode werden die verschiedenen Merkmale nacheinander züchterisch bearbeitet. D.h. zunächst wird eine gewisse Anzahl von Generationen auf das erste Merkmal hin selektiert, während die anderen völlig vernachlässigt werden, dann wird das nächste Merkmal bearbeitet und so weiter. Diese Methode ist in der praktischen Haustierzucht nicht sinnvoll einsetzbar, da durch die relativ langen Generationsintervalle das Erreichen des Gesamtzuchtziels viel zu lange dauern würde. Zudem geht der erreichte Selektionserfolg für die Merkmale, die gerade nicht züchterisch bearbeitet werden, durch genetische Driftwirkung verloren.
Die Selektion nach Mindestleistungen: Dies ist die zur Zeit in der Hundezucht vor allem eingesetzte Methode. Dabei werden für jedes einzelne Merkmal Selektionsgrenzen festgelegt und nur solche Tiere, die in allen Merkmalen diese Grenze überschreiten, werden zur Zucht verwendet. So muss ein Hund z.B. mindestens die Bewertung "sehr gut" auf Ausstellungen bringen und mindestens den HD-Befund "HD-Übergangsform" haben und nicht mehr als einen fehlenden P1 zeigen und einen Wesenstest positiv absolviert haben und für PRA und vWD (von Willebrand Erkrankung) homozygot normal getestet worden sein. Ein Hund, der in einem der Kriterien die geforderte Leistung nicht erbringt bekommt keine Zuchterlaubnis.
Diese Vorgehensweise ist auch grundsätzlich in Ordnung, solange in einer Population genügend Hunde vorhanden sind, die alle Forderungen erfüllen. Ist das aber nicht der Fall sollte man im Interesse des Erhalts der genetischen Vielfalt die dritte verfügbare Methode wählen.
Die Indexselektion: Diese Methode beruht auf zwei Prinzipien. Einerseits wird dabei die Gesamtleistung eines Tieres betrachtet wobei Schwächen in einem Merkmal durch besonders gute Leistungen in einem anderen Merkmal kompensiert werden können. Betrachten wir das obige Beispiel könnte im Rahmen der Indexselektion ein Hund, dem zwei P1 fehlen dies durch einen besonders gut absolvierten Wesenstest oder durch ein absolut HD-freies Hüftgelenk kompensieren. Das zweite Prinzip ist die Gewichtung der einzelnen Merkmale nach ihrer Heritabilität sowie ihrer Bedeutung für das gesamte Zuchtziel. Hier käme der oben erklärte Krankheitswert aber auch die spezielle Populationssituation bestimmter Rassen ins Spiel.
Nehmen wir als Beispiel mal eine Rasse, in der verbreitet HD-bedingte Lahmheiten auftreten, zudem ist die Rasse mit einer dilatativen Cardiomyopathie in hoher Häufigkeit belastet, außerdem gibt es vereinzelt Fälle von PRA und Ektropium. Für PRA steht ein Gentest zur Verfügung. Die Hunde müssen vor der Zuchtzulassung einen HD-Befund mit dem Ergebnis HD-frei oder HD-Verdacht vorweisen, sowie einen Herzultraschall und eine Augenuntersuchung. Der Gentest für PRA ist ebenfalls vorgeschrieben, eine Zuchtzulassung wird nur für Hunde mit dem Befund homozygot normal erteilt. Hunde mit Ektropium werden ebenfalls nicht zur Zucht zugelassen. Schlussendlich ist noch ein positiv absolvierter Wesenstest Voraussetzung für einen Zuchteinsatz. Die Rasse umfasst eine mittelgroße Zuchtpopulation mit etwa 300 eingetragenen Welpen pro Jahr.
Es liegt auf der Hand, dass die Zahl der Tiere, die in allen Merkmalen den geforderten Selektionsbedingungen entsprechen sich in Grenzen halten wird und man bei einer Population dieser Größe im Interesse der Erhaltung der genetischen Varianz um Kompromisse in Form einer Gewichtung nicht herum kommen wird.
Die Probleme mit dem größten Krankheitswert in unserer Beispielspopulation sind sicherlich die HD und die Herzerkrankung. Der Befund HD-frei und ein negativ befundeter Herzultraschall sollten daher in jedem Fall von einem Zuchttier erwartet werden.
PRA hat zwar als Erkrankung auch einen hohen Krankheitswert, eine mittels molekulargenetischer Diagnostik festgestellte Heterozygotie könnte aber dann bei einem Zuchttier akzeptiert werden, wenn es in den anderen Merkmalen besonders hervorragend ist. Wenn es also ein perfektes Hüftgelenk hat, keinerlei Veränderungen am Herzen, gut schließende Lider und einen problemlos absolvierten Wesenstest. Für die Paarung kommt in diesem Fall natürlich nur ein homozygot freier Paarungspartner in Frage. Damit ist gesichert, dass bei den Nachkommen keine Fälle von manifester PRA auftreten können.
Der Krankheitswert von Ektropium bewegt sich im mittleren Bereich zumal dieser Defekt durch eine relativ unproblematische Operation behoben werden kann. Im Fall eines Ektropiums sind daher ähnliche Überlegungen anzustellen, wie für den Fall einer Heterozygotie für PRA.
Für den Wesenstest ist zu bedenken, dass negative Ergebnisse dieses Tests nicht notwendigerweise eine Aussage über ein genetisches Problem geben. Wesensmerkmale haben grundsätzlich eine niedrige Heritabilität, die Methodik von Wesenstests ist in den meisten Fällen noch zu wenig validiert, Aussagen über Wiederholbarkeit, Sensitivität und Spezifität stehen nur in unzureichendem Maß zur Verfügung. Bei einem sonst hervorragenden Hund, der im Wesenstest ein schlechtes Ergebnis liefert sollte der Wesenstest zumindest wiederholt werden oder eine individuelle Beurteilung durch einen darauf spezialisierten Verhaltensmediziner vorgenommen werden.
Wohlgemerkt, alle diese Überlegungen gelten nur für Hunde, die in einem Merkmal mit geringerem Krankheitswert Schwächen zeigen und in einem oder mehreren anderen Merkmalen hervorragend sind. Sie sollen keinesfalls einen Freibrief für einen unkritischen Zuchteinsatz von Hunden mit Fehlern darstellen. Sie erfordern aber in jedem Fall eine individuelle Betrachtungsweise jedes einzelnen Hundes und das Verständnis aller Züchter, dass bei einem Hund Fehler akzeptiert werden können, die bei einem anderen einen Zuchtausschluss zur Folge haben.
Und ebenso individuell sollten die Zuchtstrategien für Rassepopulationen erarbeitet werden. Das erfordert in vielen Fällen ein Umdenken der Züchter und Zuchtverbände und intensive Kooperation zwischen Züchtern und Veterinärmedizinern. Das lohnende Ziel ist der Fortbestand von andernfalls gefährdeten Rassen, und der Fortbestand einer Rassehundezucht, die in möglichst hohem Ausmaß dem Anspruch gesunde Rassehunde zu züchten gerecht werden kann.
