Mimi
Mimi war eigentlich ein Überbleibsel. Sie war die einzige Hündin in Taras Wurf und fiel unter ihren Brüdern von Anfang an dadurch auf dass sie nur etwa halb so groß wie diese war. Und sie war auch nur halb so frech. Ein kleines, schüchternes und eher unzugängliches Ding. Alle potentiellen Abnehmer, die ich überreden konnte sich die Welpen einmal anzuschauen, übersahen die kleine Hündin geradezu und zeigten ausschließlich Interesse für die Rüden für die ich auch recht bald gute Plätze gefunden hatte. Aber niemand wollte Mimi haben. Und wenn ich selber darüber nachdachte einen der Welpen zu behalten dann drehten sich meine Gedanken eher um den kleinen Rolfi, einen ihrer Brüder, der ununterbrochen seinen Charme spielen ließ. Mimi hatte keinen Charme, sie war auch nicht besonders hübsch. Und sie ging niemandem zu, auch mir nicht. Trotzdem beschloss ich dann eines Tages sie zu behalten.
Und ich habe es nie bereut. Denn aus dem hässlichen
Entchen wurde im Lauf der Zeit ein schöner und vor
allem ungemein liebenswerter Schwan. Mimi war mein
bisher problemlosester Hund. Ihr unangenehmstes
Merkmal war ihre äußerst misstönende Stimme in
Kombination mit einer von ihrer Mutter geerbten
Bellfreude. Ihre lästigste Eigenschaft die
besonders in der Jugend ausgeprägte Freude daran
alles was vor ihr davonlief zu jagen. Beide Fehler
gaben sich recht bald. Ihre Stimme wurde sonorer
und damit erträglicher und ihre Jagdfreude wich
einem recht verlässlichen Gehorsam. Mit ihrer
Mutter verstand sie sich gut, sie unterwarf sich
ihr bedingungslos und somit gab es niemals
Probleme. Die gab es erst, als Tara starb, denn
damit kam Mimi überhaupt nicht zurecht. Sie war
völlig verunsichert und hing sozusagen
ununterbrochen an meiner "Kittelfalte". Konnte ich
vorher die beiden Hunde problemlos auch mal einige
Zeit allein zu Hause lassen so ging das jetzt
nicht mehr. Als ich es doch einmal versuchte und
sie einen Abend allein ließ bekam ich prompt die
Rechnung serviert. Es war eine laue Sommernacht
als ich mit dem Auto in unser kleines stilles Dorf
heimkam und bereits am Dorfeingang meinen laut
schreienden Hund hörte. Sie hatte wohl den ganzen
Abend lang die Nachbarn wachgehalten. Als dann
später Nicoline zu uns stieß war alles wieder gut.
Mimi unterwarf sich dem acht Wochen alten Welpen
auf der Stelle und war wieder glücklich und
zufrieden. Und das blieb auch noch viele Jahre so.
Mimi blieb von gröberen
gesundheitlichen Problemen verschont. Als junger
Hund war sie beim Spielen einmal aus dem
Führerhaus eines Lastwagens gestürzt. Dabei
verletzte sie sich die Schulter. Es war nicht
weiter schlimm aber durch diese Verletzung
entwickelte sich wohl eine geringfügige Verkürzung
der Extremität was sich dann in einem leichten
Hinken äußerte. Sie hinkte ihr ganzes Leben, mir
fiel es gar nicht mehr auf. Sie hatte aber wohl
auch kein wirkliches Problem damit und es tat
ihrer Bewegungsfreude nicht den geringsten
Abbruch. Mit fortschreitendem Alter wurde sie
etwas steifer und unbeweglicher und vor allem das
Einsteigen ins Auto fiel ihr schwerer. Sie
entwickelte dazu ein richtiges Ritual bei dem sie
mehrmals Anlauf nahm bis sie den Sprung dann
schaffte. Als ich mir zu dieser Zeit ein neues
Auto kaufte war ein Kriterium der Kaufentscheidung
dass Mimi bequem einsteigen konnte. Ich sehe heute
noch das verblüffte Gesicht des Verkäufers vor mir
als ich ihm erklärte warum ich unbedingt einen
fünftürigen Wagen haben wollte
Als sie knapp 14 Jahre alt war begann sie eines Tages zu husten, trocken und keuchend und verlor ihren Appetit. Eine Röntgenuntersuchung zeigte das Problem. An der Basis ihres Herzens war ein fast tennisballgroßer Tumor gewachsen. Eine Operation kam nicht mehr in Frage und so wurde ich mit ein paar Medikamenten und wenig Hoffnung heimgeschickt. Ein paar Tage lang ging es Mimi besser aber dann kam der Husten wieder. Verschärft wurde die Situation dadurch, dass ich eine unverschiebbare Dienstreise vor mir hatte und ich vor dem Dilemma stand, dass ich Mimi in dieser Situation nicht allein lassen wollte auf der anderen Seite aber davor zurückscheute sie einschläfern zu lassen bevor es unbedingt nötig war, nur weil ich wegfahren wollte. Rücksichtsvoll und problemlos wie Mimi ihr ganzes Leben lang war löste sie auch dieses Problem souverän. Genau einen Tag vor meiner Reise erklärte sie mir nachdrücklich, dass es so weit sei. Sie wollte nicht mehr leben. Sie konnte es nicht mehr. In meinen Armen ist sie dann ganz friedlich nach der erlösenden Spritze eingeschlafen.
Euthanasie
Auf die Frage ob und wann ein altes oder krankes Tier zu euthanasieren sei gibt es vermutlich keine einfache Antwort. Allerdings sollte sich jeder der die Verantwortung für ein Tier übernommen hat darüber im klaren sein dass sich diese Frage irgendwann stellen wird. Ich selbst bin im Laufe der Jahre des Zusammenlebens mit Pferden, Hunden und Katzen zu der Auffassung gekommen dass es schlimmeres im Leben gibt als zu sterben und habe gelernt meiner Intuition zu vertrauen dass ich merke wenn ein Tier "nicht mehr will". Wann das der Fall ist, ist von Fall zu Fall unterschiedlich und ist im Einzelfall sensibel zu entscheiden. Ich habe mich vor Jahren einmal, bei einem sehr charaktervollen Kater, zu früh dazu entschieden und hoffe das nicht noch einmal erleben zu müssen, - es war fürchterlich!
