Nicoline
Auf der Suche nach einer Gefährtin für Mimi, die nach dem Tod von Tara mit dem Alleinsein nur sehr schlecht zurechtkam, war ich auf Labradorretriever gestoßen. Ich hatte erstmals über diese Rasse im Zusammenhang mit ihrer Verwendung als Blindenhund gelesen wobei mich die für diesen Einsatz notwendige Wesensfestigkeit beeindruckt hat die es ermöglichst dass der Hund im Laufe seines Lebens zumindest zwei Besitzerwechsel psychisch unbeschadet übersteht. Die Rasse kam gerade in Mode als ich zu suchen begann und Welpen waren nicht leicht zu bekommen. Nach einiger Zeit fand ich aber eine Wiener Züchterin die gerade einen Wurf erwartete. Bei diesem Wurf fiel dann auch eine Hündin, eine einzige nur, aber die war vom ersten Lebenstag an fix für mich reserviert. Ich hab sie fast wöchentlich besucht und konnte ihre Entwicklung gut verfolgen. Nach 7 Wochen kam dann der Anruf der alles in Frage stellte. Bei der Wurfabnahme war festgestellt worden dass diese Hündin eine starke Verkürzung des Unterkiefers hatte. Es war keine leichte Entscheidung, aber nach zwei fast schlaflosen Nächten hab ich mich gegen diese Hündin entschieden.
Damit ging die Suche wieder los. Und diesmal musste
ich bis in die Mitte Deutschlands, nach Wuppertal
fahren um fündig zu werden. Dort gab es gerade einen
Wurf bei dem noch eine Hündin zu haben war. Die
Eltern waren beide HD-frei, die Züchterin machte am
Telefon einen kompetenten und netten Eindruck und so
fuhr ich los. Am Bahnhof wurde ich von der Züchterin
erwartet, im Arm trug sie die kleine Nicoline die
sich auch völlig unerschüttert von mir übernehmen
ließ. Und auch bei der Fahrt mit der rüttelnden
Wuppertaler Hängebahn blieb sie absolut gelassen. Die
Kleine war durch eine sehr gute Primärsozialisierung
gegangen, was ich am Nachmittag noch vor Ort
miterleben konnte. Die Welpen waren in einem
geräumigen Zwinger untergebracht, mit zahlreichem
Spielzeug das teils abenteuerliche Geräusche von sich
gab. Ein bis zweimal am Tag wurden sie ins Auto
gepackt und mit ihnen auf eine große Wiese gefahren
wo sie sich austoben und bereits eine Menge Eindrücke
sammeln konnten.
Die nächtliche Bahnfahrt zurück nach Wien verlief problemlos, die Kleine kuschelte sich auf einer Decke unter dem Sitz zusammen und verschlief fast die ganze Fahrt. Und das unvermeidliche Lackerl wurde auf dem mitgenommenem Zeitungspapier deponiert. Das mit Spannung erwartete erste Zusammentreffen mit Mimi verlief ebenfalls optimal: Die beiden beschnupperten sich kurz, dann merkte man wie Mimi sich entspannte. Es war wieder ein zweiter Hund da, sie war nicht mehr allein und damit war für sie wohl die Welt wieder in Ordnung.
Der problemlose Beginn meines Zusammenlebens mit Nicoline setzte sich nicht ganz so problemlos fort. Es zeigte sich sehr bald dass Nicoline ein sehr starker und selbstbewusster Hund war die in Bezug auf Erziehung und Dominanzverhältnisse ihre eigenen Vorstellungen hatte die mit meinen nicht wirklich übereinstimmten. Mein Verständnis von Hundehaltung wiederum ließ nicht zu dass mein Hund das Sagen hat und so lieferten wir uns im Laufe ihres Lebens immer wieder harte Auseinandersetzungen bei denen dann die Rangfolge zumindest für eine gewisse Zeit wieder in meinem Sinn geklärt wurde.
Der klassische Werdegang der Aggressivität
- Als Welpe bereits "Kernig". Er lässt sich nichts wegnehmen, knurrt, zeigt die Zähne etc.
- In der Pubertät ist er noch zu jung zum Hören, er schnappt schon mal.
- Als Erwachsener ist er ein Hund mit Eigenarten, die gilt es zu respektieren. Er beißt gelegentlich.
- In der Rangordnung unter ihm stehen eigentlich alle, bis auf den Hausherrn.
- In der Rangordnung über ihm steht eigentlich Niemand, auch nicht der Hausherr. Dieser ist konzessionsbereit.
- Der Hund ist mit 3-4 Jahren auf der Höhe seiner physischen Kraft und Gesundheit, nicht konzessionsbereit, sondern bestrebt, klare Rangordnungsverhältnisse zu erfahren.
- Daher wird er dem Besitzer gegenüber mit zunehmender Intensität Imponier- und Drohverhalten zeigen und meist darauf keine adäquate Antwort erhalten.
- Ganz folgerichtig und artgerecht wird er es deshalb auf eine Konfrontation ankommen lassen und wahrscheinlich gewinnen.
- Deshalb wird er für "Verhaltensgestört" erklärt, da er wie aus heiterem Himmel zugebissen habe. Oftmals wird er wegen Unhaltbarkeit euthanasiert.
F.Rehage: Hyperaktivität beim Hund aus der Sicht des praktischen Tierarztes. Der praktische Tierarzt 5, S. 408-419.
Es kam hinzu dass sie ein sehr temperamentvoller Hund war der im Überschwang oft ein regelrecht rüpelhaftes Verhalten zeigte, - und Überschwang war bei ihr fast Normalzustand. Von ihrem höheren Alter abgesehen konnte ich mit ihr niemals "schmusen" denn jeder Versuch führte bei ihr zu einem Freudenausbruch mit intensivem "Ganzkörperwedeln" bei dem sie mir, wenn ich nicht aufpasst, ihren schweren Schädel um den Kopf schlug. Auch im Verteilen von Kinnhaken war sie Meisterin wenn sie einen bei der Begrüßung im Senkrechtstart ansprang.
Aber das war natürlich nur eine Seite von ihr. Die andere war die eines absolut wesensfesten und gutmütigen Hundes der alle Menschen und Tiere (mit Ausnahme von flüchtenden Hasen) liebte und niemals absichtlich irgendwem etwas Böses getan hätte. Sie war gefräßig wie angeblich alle Retriever und sie liebte das Wasser wie das wohl alle Retriever tun. Sie war ein sehr selbständiger Hund der sich ohne Probleme allein beschäftigen konnte, der einzige meiner Hunde den ich in den Garten schicken und der sich dort auch allein für längere Zeit aufhalten und mit sich selber beschäftigen konnte. Das war recht angenehm denn welchen Hundebesitzer nervt nicht gelegentlich dass die Hunde einem permanent an den Hacken hängen und nicht aus den Augen lassen.
Manchmal war ihre Selbständigkeit aber auch
enervierend. Besonders als sie sie im
fortgeschrittenen Alter mit einem zunehmenden
Ungehorsam verband. Spazierengehen mit ihr wurde
zum Spießrutenlauf weil sie jede Gelegenheit
nutzte um abzuhauen und einen ihrer geliebten
Komposthaufen aufzusuchen. Dort schlug sie sich
dann den Bauch voll um die nach ihrer Meinung viel
zu knappe häusliche Kost aufzubessern. Das Problem
war, dass einige dieser Komposthaufen hinter den
Zäunen von Gärten anderer Leute lagen und mir dann
nichts anderes übrigblieb als geduldig zu warten
bis mein Hund von seinem kulinarischen Ausflug
wieder zurückkehrte. Einmal kam sie von selber gar
nicht zurück, da war sie auf dem Grundstück des
Komposthaufenbesitzers in eine Betongrube gefallen
aus der sie allein nicht mehr herauskam.
Gottseidank kam der "Hausherr" kurz nach dem
Unfall und so wurde sie unversehrt befreit und
konnte den nächsten Komposthaufen in Angriff
nehmen.
Auch an krimineller Energie mangelte es ihr nicht, denn nichts war vor ihr sicher. Ein Kilo Zucker das - eigentlich recht unzugänglich - im Pferdestell deponiert war wurde der nicht bestimmungsgemäßen Verwertung durch sie genauso zugeführt wie ein Teil meines Vorrates an Futterdosen aus der Garage. Es dauert einige Zeit bis ich begriff das meine liebe Nicoline für deren unerklärlichen Schwund verantwortlich war: Sie stibitzte gelegentlich eine Dose, schleppte sie in den Garten, biss Löcher hinein und saugte den Inhalt durch diese Löcher heraus. Was übrig blieb war ein undefinierbarer Metallklumpen dessen Ursprung ich erst später verstand. Eines möchte ich allerdings betonen: Nicoline gehörte niemals zu jenen übergewichtigen Retrievern die wir so oft zu sehen bekommen und wirklich übelgenommen habe ich ihr ihre besondere Art der Selbstversorgung auch nicht, auch wenn ich manches mal verärgert war. Schließlich steckte da auch eine ganze Menge an Zielstrebigkeit und praktischer Intelligenz dahinter.
Zu jener Zeit nahm ich Nicoline und Mimi regelmäßig mit zu meiner Arbeitsstelle. Während es sich Mimi unter meinem Schreibtisch bequem machte zog es Nicoline vor ihren Tag bei einem der von ihr bevorzugten Kollegen zu verbringen. Es bereitete mir dann durchaus Mühe sie zum Feierabend von den Kollegen wegzuholen. Nicoline war eben das was Konrad Lorenz einen Kalfaktorhund genannt hätte, Opportunistin aus Passion.
Mit einem Jahr ließ ich bei Nicoline die vom
Zuchtverband vorgeschriebene HD-Untersuchung
machen. Der Befund lautete erfreulicherweise
HD-frei und ich dachte über eine eventuelle
Nachzucht nach. Als sie drei Jahre alt war
verletzte sie sich beim wilden Spiel mit einer
Hundefreundin die Schulter. Bei der
Röntgenaufnahme, die zur diagnostischen Abklärung
gemacht wurde, war per Zufall auch das
Ellbogengelenk mit drauf. Und das schaute
schrecklich aus. Hochgradige Ellbogendysplasie
lautete die endgültige Diagnose. Und die war
genau genommen eine Erleichterung denn die erste
Verdachtsdiagnose schloss auch einen Knochenkrebs
nicht aus. Damit waren nun in jedem Fall alle
Gedanken mit ihr vielleicht mal einen Wurf zu
machen abgehakt und sie wurde kastriert.
Gottseidank wirkte sich die Ellbogendysplasie bei
ihr niemals wirklich negativ aus. Sie hat ihr
ganzes Leben nicht mehr als drei Tage lang
gelahmt.
Abgesehen von der Ellbogendysplasie war Nicoline lange Zeit ein gesunder Hund. Erst im höheren Alter erkrankte sie an Epilepsie. Mit zehn Jahren hatte sie ihren ersten Anfall, vier Wochen später den nächsten und wieder kurze Zeit darauf den dritten. Danach wurde sie mit Antiepileptika behandelt, zunächst auch mit gutem Erfolg. Aber im Lauf der Zeit kamen die Anfälle wieder, zwar in leichterer Form aber dafür immer häufiger. Auch eine Erhöhung der Medikamentendosis brachte nur vorübergehend Besserung. Und das schlimmste war dass meine starke, wesensfeste Nicolinie durch die Anfälle und oder durch die Medikamente langsam aber sicher ihre Persönlichkeit verlor. Ich hatte den Eindruck, dass mit jedem Anfall mehr und mehr Gehirnzellen zerstört wurden. Nicoline zeigte zunehmend Symptome von Demenz.
Körperlich ging es ihr noch lange Zeit gut was die Situation aber nicht leichter erträglich machte. Hinzu kam dass sie ihre Sauberkeit verlor und das erschwerte das Leben mit ihr in der letzten Zeit beträchtlich. Ich empfand es geradezu als Erleichterung als sie mich nach fast eineinhalbjähriger Krankheit an einem extrem heißen Frühsommertag wissen ließ dass sie nicht mehr wollte. Ihre langjährige Begleiterin Shira und unsere kleine Schapendoeshündin Dela, für die sie in ihren ersten Tagen bei uns noch Mutterersatz war, waren bei ihr als sie starb.
Nicoline wurde 13 Jahre alt, für einen Labrador ein recht hohes Alter. Sie fand ihr Grab unmittelbar neben einem Komposthaufen, - einem der Orte die sie im Leben so sehr geschätzt hat. [weiter]
