Irene
Sommerfeld-Stur

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Was ist denn eigentlich Screening?

Der Begriff der Screening-Diagnostik ist zwar untrennbar mit der heutigen Rassehundezucht verbunden, dennoch sind für viele der damit Befassten die Grundsätze und Besonderheiten dieser speziellen Diagnoseform nicht ausreichend bekannt.

Screening in der wörtlichen Übersetzung bedeutet soviel wie "durchmustern", im praktischen Sinn bedeutet Screening Untersuchung einer bestimmten Auswahl von Individuen in Hinblick auf eine ganz bestimmte Erkrankung oder ein ganz bestimmtes Symptom.

Im Rahmen der normalen klinischen Diagnostik ist der Tierarzt mit einem Tier konfrontiert, das mit einem oder mehreren klinischen Symptomen vorgestellt wird. Ziel der Diagnosestellung ist festzustellen was diesem bestimmten Tier fehlt, das Endziel ist eine geeignete Therapie zu finden um das Tier wieder gesund zu machen.

Ganz anders bei der Screeningdiagnostik. Hier geht es nicht darum festzustellen, was einem Tier fehlt sondern ob es eine ganz bestimmte Erkrankung hat. Das Tier zeigt zum Zeitpunkt der Screeningdiagnose üblicherweise keine Symptome. Das Endziel im Rahmen züchterischer Screeninguntersuchungen ist festzustellen, ob ein bestimmter Hund nach den Zuchtbestimmungen des zuständigen Verbandes zur Zucht geeignet ist oder nicht.

Normale klinische Diagnostik und Screeningdiagnostik laufen somit unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen ab. Und damit sind auch die Anforderungen an die Diagnoseverfahren ganz unterschiedlich.

In der klinischen Diagnostik entscheidet der untersuchende Tierarzt in Übereinkunft mit dem Tierbesitzer welche Diagnoseverfahren eingesetzt werden. Dabei spielen Aspekte wie die aktuelle Ausstattung der Praxis (gibt es Röntgen, Ultraschall, Labor), die Qualifikation des Untersuchers, der klinische Zustand des Patienten, aber auch die Kosten der verfügbaren Untersuchungsverfahren eine Rolle bei der Entscheidung für eine bestimmte Untersuchung. Es wird somit in jedem Fall eine individuell angepasste Diagnosestrategie entwickelt. Dabei können die Möglichkeiten der modernen Veterinärmedizin nach Belieben ausgeschöpft werden.

Und hier liegt im Grunde der wichtigste Unterschied zur Screeningdiagnostik. Screening erfordert ein streng standardisiertes Untersuchungsprotokoll. Nur wenn alle Hunde einer Population unter den gleichen Bedingungen untersucht werden, ist gewährleistet, dass die genetischen Unterschiede zwischen den Hunden durch die Untersuchung auch tatsächlich erfasst werden.

Um diese standardisierten Bedingungen zu gewährleisten gibt es eine Reihe von Regeln bzw. Anforderungen, die für züchterische Screeningverfahren gelten.

Die gleichen Regeln gelten übrigens auch für andere Untersuchungen im "Nicht-medizinischen" Bereich, wie z.B. für Ausstellungs- oder Leistungsprüfungsbewertungen. Auch hier wird durch eine entsprechend intensive Ausbildung und Schulung der Richter eine größtmögliche Standardisierung der Bewertungsbedingungen erreicht.

Neben den standardisierten Untersuchungsbedingungen gibt es noch weitere Anforderungen an züchterische Screeninguntersuchungen:

Bei den beiden letzten Punkten ist zu bedenken, dass idealerweise nicht nur Hunde, die selber zur Zucht vorgesehen sind gescreent werden sollten sondern auch andere, insbesondere Nachkommen von Rüden. Und speziell Hundebesitzer, die selber nicht züchten wollen, sind zu einer entsprechenden Untersuchung, wenn überhaupt, nur dann bereit, wenn möglichst wenig Kosten und Aufwand und kein Risiko mit der Untersuchung verbunden sind.

Zwei weitere Punkte sind im Rahmen züchterischer Screeninguntersuchungen ganz besonders zu beachten:

Eine fast ideale Form der Screeningdiagnostik stellt die molekulargenetische Diagnostik dar. Standardisierte Untersuchungsmethoden mit hoher Wiederholbarkeit und hoher diagnostischer Validität, frühzeitige und lebenslange Diagnostizierbarkeit, keine Belastung bzw. kein Risiko für das untersuchte Tier und zumindest eine flächendeckende Möglichkeit zur Probenentnahme. Verfälschungen durch die Tierbesitzer sind bei kontrollierter Probennahme praktisch auszuschließen und die Heritabilität ist systemimmanent hoch. Die Kosten orientieren sich an der Nachfrage, dabei spielen natürlich auch marktwirtschaftliche Überlegungen der untersuchenden Labors eine Rolle. Molekulargenetische Untersuchungen haben aber gegenüber anderen Screeningverfahren noch einen ganz wesentlichen Vorteil, der die zum Teil deutlich höheren Kosten mehr als rechtfertigt. Sie detektieren nämlich nicht nur die Merkmalsträger, also die klinisch betroffenen Tiere, sondern auch diejenigen Tiere, die selber gesund sind, aber ein rezessives Defekten in heterozygoter Form tragen. Und damit ermöglichen sie völlig neue Zuchtstrategien.[weiter...]