Werden unsere Rassehunde immer kränker?
Wenn man die Geschehnisse rund um die Rassehundezucht verfolgt, kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass es immer mehr und immer häufiger auftretende genetisch bedingte Erkrankungen in den verschiedenen Rassepopulationen gibt. War es vor vielleicht 20 Jahren in erster Linie die Hüftgelenksdysplasie die als genetisch bedingte Erkrankung die Aufmerksamkeit der Züchter forderte so sind es heute zahlreiche Erkrankungen verschiedenster Organsysteme, bei denen eine genetische Grundlage vermutet wird oder sogar bekannt ist und die daher im Rahmen der züchterischen Selektion berücksichtigt werden sollten. Und war es bis vor kurzem gerade mal das verbreitete HD-Screening, das als Gesundheitsvorsorgeuntersuchung vor dem Zuchteinsatz von vielen Zuchtverbänden gefordert wurde so sind es heute Ellbogen-, Kniescheiben-,Augen-, Herz-, Schilddrüsen-, Nieren-, Leber-, Darm-, Haut- oder neurologische Erkrankungen, die bei der Zuchtwahl berücksichtigt werden müssen und die bei den Zuchttieren diagnostisch erfasst werden müssen.
Der technische Stand in der modernen Veterinärmedizin begünstigt diese Entwicklung. Moderne Diagnoseverfahren ermöglichen eine rechtzeitige Detektierung einer Erkrankung vor dem Zuchteinsatz eines Hundes, oft noch bevor diese Erkrankung für den Hund selber Folgen zeigt. Und sie ermöglichen es zudem, dank ihrer oft sehr hohen Sensitivität auch geringfügige Abweichungen vom Normalen zu diagnostizieren.
Das ist einerseits natürlich als positiv anzusehen. Insbesondere für Krankheiten die sich bei den betroffenen Tiere erst in einem Alter auswirken, in dem sie möglicherweise bereits züchterisch genutzt worden sind, ermöglichen frühzeitige Diagnoseverfahren überhaupt erst eine Selektion gegen diese Erkrankung. Und hohe Sensitivität eines diagnostischen Verfahren gewährleistet, dass ein großer Teil betroffener Tiere auch tatsächlich gefunden wird und somit aus der Zucht ausgeschlossen werden kann.
Was bei dieser Entwicklung aber auch bedacht werden sollte ist die Gefahr, dass damit möglicherweise auch solche Tiere als "nicht normal" und damit krank beurteilt werden, deren Abweichungen vom "Normalen" so geringfügig sind, dass diese Abweichungen keinerlei negative Folgen für die betroffenen Tiere haben. Normalität ist nämlich keine fixe und biologisch eindeutige Eigenschaft sondern eine auf wissenschaftlichen Konventionen vereinbarte Definition. Vergleichbar etwa den Vereinbarungen über Tempolimits auf unseren Straßen. So ist ein Tempo von 105 km/h auf Landstraßen gemäß solcher Vereinbarungen zwar definitionsmäßig eindeutig zu schnell, wirklich gefährlich ist es aber sicherlich im Normalfall nicht.
Will man also die Möglichkeiten der modernen veterinärmedizinischen Diagnostik in der Hundezucht sinnvoll nützen gilt es den Krankheitswert, also die gesundheitliche Relevanz eines bestimmten Befundes zu berücksichtigen.
Auch um die eingangs gestellte Frage zu beantworten muss man sich mit der gesundheitlichen Relevanz eines Befundes auseinandersetzen.
Sicher ist es richtig, dass die Häufigkeit von genetischen Defekten in unseren Rassehundepopulationen zugenommen hat. Das ist auch plausibel und verständlich betrachtet man die gesamte Problematik der Hundezucht sowie den Aspekt des Verlustes an genetischer Varianz in den oft viel zu kleinen geschlossenen Populationen.
Aber in manchen Fällen ist es sicherlich auch so, dass mit den modernen Diagnosemöglichkeiten auch solche Veränderungen nachgewiesen werden, die bisher deshalb nicht erkennbar waren, weil sie für den einzelnen Hund eben keinerlei gesundheitliche Relevanz haben. Es ist nicht selten, dass ein Hundebesitzer, konfrontiert mit einer für ihn erschreckenden Diagnose, vom untersuchenden Tierarzt praktisch in einem Atemzug getröstet wird mit der Aussage: "Damit kann ihr Hund 15 Jahre alt werden". Und wäre der Hund nicht untersucht worden hätte der Besitzer von dem "Problem" möglicherweise niemals etwas erfahren. Wieweit in so einem Fall trotzdem züchterische Maßnahmen sinnvoll bzw. notwendig sind, sollte im Einzelfall und jedenfalls auf der Basis enger Kooperation zwischen Züchtern und Tierärzten geklärt werden.
Unsere Hunderassen sind also sicherlich im Laufe der letzten Generationen "kränker" geworden, aber möglicherweise nicht ganz in dem Ausmaß wie es uns die Statistik erscheinen lässt.
Wie auch immer - effiziente züchterische Bekämpfung von genetischen Defekten oder Selektion auf Gesundheit setzt eine aussagekräftige und sichere Differenzierung zwischen Merkmalsträgern und Nicht-Merkmalsträgern definierter Defekte voraus. Um die modernen veterinärmedizinischen Diagnoseverfahren in diesem Zusammenhang optimal nützen zu können bedarf es aber einer Auseinandersetzung mit ihren Möglichkeiten und Grenzen. [weiter...]

