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Spezielle Struktur und Dynamik von Hundepopulationen

Übersicht über die speziellen Probleme die sich im Rahmen der Zuchtarbeit beim Hund auf der Basis populationsgenetischer und menschlicher Aspekte ergeben.

Dieser Text ist die überarbeitete Kurzfassung eines Vortrags, den ich anlässlich der VOEK-Tagung in Salzburg im September 2005 gehalten habe.

Hundezüchter sind keine Schweinezüchter.

Dies war eine der wichtigsten Erkenntnisse der jungen Populationsgenetikerin, die sich nach einigen Jahren fast ausschließlicher Beschäftigung mit der Nutztierzucht in den Bereich der kynologischen Genetik wagte. Diese Erkenntnis kam nicht sofort und es dauerte viele Jahre theoretischer und praktischer Auseinandersetzung mit Hundezucht und Hundezüchtern, bis mir die ganze komplexe sachliche und menschlich-zwischenmenschliche Problematik der Hundezucht halbwegs klar war. Und ich lerne auch heute noch täglich dazu...

Effiziente Zuchtarbeit und effiziente züchterische Beratung in der Hundezucht bedarf nicht nur soliden Grundlagenwissens um die allgemeinen genetischen und populationsgenetischen Regeln und Zusammenhänge, sie bedarf auch der Einsicht in die speziellen populationsdynamischen Aspekte von Hundepopulationen und die speziellen menschlichen und soziologischen Aspekte der Hundezüchter. So wie der Tierarzt in der kurativen Praxis nicht nur den Hund als Primärpatienten sondern auch den Hundebesitzer als Sekundärpatienten zu behandeln hat, so umfassen Überlegungen im Rahmen der züchterischen Beratungstätigkeit nicht nur die primär genetischen Probleme der Hundepopulation sondern auch die menschlichen und zwischenmenschlichen Probleme der Züchter und der Zuchtverbände. Und so sind im Rahmen züchterischer Beratungstätigkeit aber auch im Rahmen allfälliger eigener züchterischer Tätigkeit eine Reihe von Punkten zu beachten, die in dieser Form typisch und spezifisch für die Zucht von Hunden aber auch von anderen vergleichbaren Heimtieren sind.

Zu diesen Punkten zählen:

Die Motivation der Züchter: Im Gegensatz zum Nutztierzüchter, für den die Zucht im Allgemeinen einen wesentlichen Teil seiner Existenzgrundlage darstellt, wird Hundezucht zum Großteil als Hobby betrieben. Die Motivation zur Zucht ergibt sich daher nicht in erster Linie auf der Basis der Erzielung von wirtschaftlichem Gewinn sondern eher auf der Basis emotionaler Aspekte. Züchterprestige, der Wunsch nach der Aufzucht eines Wurfes oder der Wunsch nach der Nachzucht eines geliebten Hundes, oder auch die Hingabe an eine ganz bestimmte Rasse sind menschlich legitime aus populationsgenetischer Sicht aber oft problematische Motive zum Zuchteinsatz eines Hundes.

Die emotionale Bindung an das Zuchttier (rosarote Brille): Hunde leben im Allgemeinen im direkten Umfeld ihres Besitzers als in den meisten Fällen geliebte Lebensgefährten. Diese primär ja in jedem Fall als positiv zu bewertende Zuneigung zum eigenen Hund führt aber oft dazu, dass die Einschätzung über dessen Zuchttauglichkeit durch eine mehr oder weniger rosarot gefärbte Brille erfolgt und Fehler des eigenen Hundes daher entweder negiert oder falsch eingeschätzt werden. Dazu kommt dass der Zuchtausschluss eines Hundes in den meisten Fällen für den betroffenen Besitzer eine Zuchtsperre für die Lebenszeit dieses Hundes bedeuten würde. Insbesondere wenn eine stark emotional begründete Zuchtmotivation besteht, werden daher in vielen Fällen sachliche Einwände gegen den Zuchteinsatz eines Hundes ignoriert bzw. übergangen.

Fehlende Transparenz: Die primär stark emotional basierte Motivation zur Hundezucht führt in vielen Fällen dazu, dass Fehler des eigenen Hundes nicht nur falsch eingeschätzt werden, sondern auch verschwiegen werden. Hier spielt sehr oft auch eine vermutete oder sogar ausgesprochene Schuldzuweisung durch andere Züchter des Zuchtverbandes zu einem sozusagen schamhaften Verschweigen von Defekten in der eigenen Linie. Hier spielen aber natürlich auch finanzielle und organisatorische Überlegungen eine Rolle. Der Züchter, der Defekte in der eigenen Linie zugibt, riskiert, dass er seine Welpen nicht verkaufen kann. Ihm wird von anderen Züchtern der Rasse oft sogar vorgeworfen, dass er die Rasse sozusagen „krank redet“ und damit auch den Welpenabsatz anderer Züchter beeinträchtigt. Die Konsequenz ist in jedem Fall eine hohe Dunkelziffer für genetische Erkrankungen in Zuchtpopulationen. Auch wenn der Zuchtverband selber eine Politik der Offenheit betreibt (Screeninguntersuchungen vor dem Zuchteinsatz, „open registry“) wird es immer Züchter und Hundebesitzer geben, die Krankheiten ihrer Tiere verschweigen oder die nicht bereit sind ihre Tiere einer entsprechenden Untersuchung unterziehen zu lassen. Zudem gibt es nicht für alle relevanten Erbkrankheiten etablierte Screeninguntersuchungen. In vielen Fällen ist eine Diagnose der Erkrankung auch erst im späteren Lebensalter möglich, wenn der Hund bereits ein- oder mehrmals in der Zucht eingesetzt worden ist.

Damit werden aber alle Untersuchungen über die Prävalenz von Erkrankungen in bestimmten Populationen, Heritabilitätsschätzungen, Zuchtwertschätzungen etc. unmöglich gemacht oder haben nur eine stark eingeschränkte Aussagekraft. Und damit werden auch effiziente züchterische Maßnahmen erschwert oder unmöglich gemacht.

Transparenz und offener Umgang mit Erbkrankheiten darf aber niemals verwechselt werden mit der in Züchterkreisen oft üblichen "Gerüchteküche". Informationen über auftretende Defekte in einer Familie, einer Linie oder Rassen sollten immer nur auf eindeutig diagnostizierten und dokumentierten Fällen beruhen. Jeder nur "gerüchteweise" krank erklärte Hund, der auf der Basis eines solchen Gerüchtes züchterisch gemieden wird entspricht im diagnostischen Kontext einem "falsch positiven" Befund und wirkt sich entsprechend auf die genetische Varianz der Population aus.

Transparenz, die nur von einzelnen Züchtern richtig gehandhabt wird ist ebenfalls als problematisch anzusehen. Hier besteht dann die Gefahr, dass zwar die Information über das Auftreten eines Defektes bei diesem einen Zwinger wahrgenommen und verstanden wird, gleichzeitig aber davon ausgegangen wird, dass bei allen Züchtern die nicht über Defekte in ihrer Linie sprechen, auch tatsächlich keine Defekte vorliegen. Diese Situation entspricht dann im diagnostischen Kontext möglicherweise einem "falsch negativen" Befund. In diesem Zusammenhang lässt sich eine der Grundphilosophien evidenzbasierter Medizin auf die züchterische Praxis umformulieren:

Fehlt der Beweis eines genetischen Defektes in einer Rasse (einer Linie, einer Familie, einem Zwinger) ist das nicht als Beweis anzusehen, dass in dieser Rasse (dieser Linie, dieser Familie, diesem Zwinger) auch wirklich kein genetischer Defekt auftritt.

Oder, einfacher gesagt: Nur weil in einer Rasse nicht über genetische Defekte gesprochen wird, heißt das noch lange nicht, dass auch tatsächlich keine vorliegen.

Transparenter Umgang mit genetischen Defekten macht somit nur dann Sinn, wenn er als Grundphilosophie einer gesamten Rassezuchtordnung definiert ist und von allen Züchtern entsprechend umgesetzt wird.

Größe der Zuchtpopulation: Hundepopulationen sind als Zuchtpopulationen mit wenigen Ausnahmen kleine Populationen, die in vielen Fällen eine Größe haben mit der sie aus populationsgenetischer Sicht eigentlich als gefährdete Populationen anzusehen sind. In Analogie zu den für Nutztiere festgelegten Grenzen wären Hundepopulationen, deren effektive Populationsgröße unter 200 liegt als gefährdete Rassen anzusehen. Dazu kommt, dass durch oft intensive Selektion, Linienzucht oder übermäßige Nutzung einzelner Deckrüden die Größe der effektiven Zuchtpopulation weiter reduziert wird. Anstieg des Inzuchtniveaus durch genetische Drift und Linienzucht führen somit zu steigender Homozygotie, Reduktion der genetischen Varianz, Selektionsplateau, Inzuchtdepressionserscheinungen und Häufung von genetischen Defekten.

Ein zusätzlicher „Größeneffekt“ ergibt sich aus der Tatsache, dass die eigentliche züchterische Einheit in der auch grundsätzlich die Entscheidung über den Zuchteinsatz eines Tieres fällt, der Einzelzüchter ist, der in den meisten Fällen nur ein oder vielleicht zwei Zuchttiere besitzt. Und diese Zuchtentscheidung fällt, wie oben ausgeführt in vielen Fällen nicht auf der Basis rationaler und populationseinheitlicher Selektionskriterien sondern individueller und dazu stark emotional beeinflusster Motivation.

Stark formalistische Ausrichtung der Selektionsprioritäten: Die primäre Selektionsgrundlage in der Hundezucht ist die Formwertbeurteilung bei der Ausstellung. Diese folgt zwar in den meisten Rassestandards grundsätzlich einmal funktionalanatomischen Grundsätzen, wird aber bei vielen Rassen durch Überinterpretation oder Fehlinterpretation einzelner Merkmale in eine Richtung gesteuert, die für die Hunde der Rasse langfristig mit mehr oder weniger großen Gesundheitsproblemen verbunden sind. Zum Teil führen diese Fehlentwicklungen zu so starken Abweichungen von der normalen physiologischen Ausbildung des Hundeorganismus, dass man sie mit voller Berechtigung als „Qualzucht“ definieren kann. Gesundheitliche Probleme sind bei solchen Rassen vorprogrammiert und von den Züchtern sozusagen selbst gemacht oder werden zumindest für den Preis des Rassetypus billigend in Kauf genommen.

Aber auch bei Rassen deren Rassestandard in einer Weise bewertet und interpretiert wird, die den Anforderungen an einen funktionalen Hundekörper entspricht kann die Überbewertung von Formwertmerkmalen zu einer Verschlechterung der Rassegesundheit führen. Das ist z.B. dann der Fall wenn bei einem Zuchthund gesundheitliche Fehler eher in Kauf genommen werden als Formwertfehler, wenn also z.B. ein Hund mit leichter HD für die Zucht akzeptiert wird, ein Hund mit einem unerwünschten Farbabzeichen aber nicht.

Unvollständige Erfassbarkeit der Population: Nicht nur die oben beschriebene Verschwiegenheitstaktik vieler Züchter führt zu Fehleinschätzungen in Bezug auf die Prävalenz und Verbreitung von Erbkrankheiten. Auch die Tatsache, dass die meisten Hundebesitzer am züchterischen Geschehen überhaupt nicht interessiert sind weil sie einfach nur einen Hund als Begleiter haben wollen limitiert die Erfassbarkeit von Defekten. Dies gilt insbesondere dann, wenn die für die Erfassung eines Defektes notwendige Screeninguntersuchungen mit Kosten und/oder Risiken oder Belastungen für den Hund bzw. den Besitzer verbunden sind. Hier gibt es zwar einige Bemühungen einzelner Zuchtverbände zu Informationen über möglichst viele Hunde zu kommen (z.B. HD-Kaution), die Erfolge sind aller Erfahrung nach zumeist aber eher bescheiden.

Unterschiedliche Umweltbedingungen für jedes einzelne Tier: Im Gegensatz zu Nutztieren, die unter zumindest teilweise standardisierten oder zumindest ähnlichen Bedingungen gehalten werden, ist die Haltungsumwelt für die Hunde einer Zuchtpopulation üblicherweise sehr individuell und unterschiedlich. Insbesondere für Merkmale und Erkrankungen mit mittlerer oder niedriger Heritabilität bedeutet das, dass die individuelle Umwelt bei der klinischen Manifestation einer vorhandenen genetischen Krankheitsdisposition eine wesentliche Rolle spielt. Wenn ein Hund daher keine klinische Ausprägung einer solchen Krankheit zeigt, kann man niemals genau wissen ob er die genetische Disposition nicht trägt, oder ob er unter so optimalen Umweltbedingungen gehalten wird, dass die vorhandene Disposition sich nicht klinisch auswirkt. Das bedeutet zusätzlich zu der genetischen Verschleierung durch meist rezessive Genwirkung auch noch eine Verschleierung durch Umweltfaktoren. Besonders zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch jede tierärztliche Intervention, die darauf abzielt vorhandene genetische Defekte zu korrigieren. Auch wenn das im Einzelfall im Interesse des betroffenen Tieres absolut legitim sein kann, so muss man in so einem Fall den Besitzer darüber aufklären dass mit der klinischen Sanierung eines Defektes keine genetische Sanierung verbunden ist und ihm die entsprechenden notwendigen züchterischen Konsequenzen nahe legen.

Selektion auf schwer objektivierbare Merkmale: Im Gegensatz zu objektiv erfassbaren Merkmalen wie sie in der Nutztierzucht in den meisten Fällen Gegenstand der züchterischen Bearbeitung einer Population sind (z.B. Milchleistung, tägliche Zunahme etc.) sind Selektionskriterien in der Hundezucht in den meisten Fällen nur subjektiv erfassbar. Das gilt einerseits für die meisten Formwertmerkmale aber auch für viele Defektmerkmale. So liegt z.B. die Wiederholbarkeit einer HD-Befundung trotz standardisierter Untersuchungstechnik und recht genauer Befundvorgaben nicht bei 100 Prozent. Für züchterische Screeninguntersuchungen ist somit genauso wie für labordiagnostische Verfahren eine Validierung sowie eine regelmäßige Qualitätskontrolle zu fordern.

Ideale Bedingungen bieten in diesem Zusammenhang die modernen molekulargenetischen Diagnoseverfahren zumindest dann, wenn sie auf dem direkten Nachweis des Defektgens beruhen. Der Nachweis von Kopplungsmarkern hingegen ist durch die Möglichkeit von Kopplungsbrüchen immer mit einer bestimmten Unsicherheit verbunden, deren Ausmaß von den Untersuchungslabors angegeben werden sollte.

Fehlende bzw. unzureichende genetische Ausbildung der Züchter: Züchten erfordert zumindest in Hinblick auf die einfache Vermehrung von Hunden keine besonderen genetischen Vorkenntnisse. Viele Zuchtverbände schreiben zwar inzwischen ihren „Neuzüchtern“ den Besuch von Fortbildungsveranstaltungen vor, die aber selbst im günstigsten Fall nur Teilaspekte des gesamten genetischen und populationsgenetischen Wissens bieten können. Und es gibt zwar inzwischen ausreichend einschlägige Basisliteratur und auch das Internet bietet unzählige Seiten mit guten Informationen für Hundezüchter. Dennoch ist die Materie der Genetik und Populationsgenetik ein sehr komplexer Bereich der für den einzelnen Züchter ohne die entsprechende Anleitung kaum komplett zu erfassen und umzusetzen ist.

Sehr oft fehlt es auch an der Bereitschaft sich mit den theoretischen Grundlagen auseinanderzusetzen. Insbesondere der doch recht mathematisch statistisch ausgerichtete Bereich der Populationsgenetik ruft in vielen Fällen Berührungsängste hervor, die eine effiziente Annäherung an die Thematik verhindern. Und wie schon gesagt, man kann ja, zumindest kurzfristig, durchaus erfolgreich züchten auch ohne sich mit theoretischem Wissen zu belasten. Und ein Großteil der Züchter begnügt sich ja auch mit einem oder zwei Würfen und mit ein bisschen Glück geht dabei ja auch alles gut.

Betrachtet man Hundezucht aber im Sinne des Postulates „Züchten heißt in Populationen und in Generationen zu denken“ dann kann eigentlich nur derjenige als Züchter gelten, der sich mit der züchterischen Dynamik von Populationen konstruktiv auseinandersetzt und auch danach handelt. Und dafür fehlen einem Großteil der Züchter die Voraussetzungen.

Fehlendes bzw. unzureichendes Wissen über genetische Grundlagen von Krankheiten, Leistungs- und Wesensmerkmalen: Aus dem oben gesagten ergibt sich zwangsläufig, dass Daten, die normalerweise benötigt werden um gültige Aussagen über die Prävalenz von Defekten, den Erbgang bzw. die Heritabilität von Krankheiten aber auch von anderen züchterisch interessanten Merkmalen wie Formwert- und Wesenskriterien zu erhalten in der Hundezucht nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung stehen. Daraus ergibt sich aber auch für den in der züchterischen Beratung tätigen Tierarzt das Problem, dass Fragen, die an ihn von Züchterseite herangetragen werden oft nur unvollständig oder ungenau oder gar nicht beantwortet werden können.

Eine gewisse Hoffnung liegt in der fast explosionsartigen Entwicklung molekulargenetischer Untersuchungsverfahren, deren Implementierung in die praktische Hundezucht neue Chancen bringen wird aber gleichzeitig auch wieder neue Probleme aufwerfen wird.

Erfolgreiche beratende aber auch eigene aktive Tätigkeit in der Hundezucht erfordert somit neben der Aneignung des notwendigen genetischen und populationsgenetischen Grundwissens auch die Auseinandersetzung mit den genannten speziellen populationsdynamischen und menschlichen Aspekten der Zucht von Hunden.