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In der Übersicht finden Sie die ersten 1-2 Absätze eines jeden Artikels, sortiert nach Erstellungsdatum, - den neuesten also jeweils als ersten.

Survival of the fittest?

"Nur das Beste für die Zucht" ist - wie bereits diskutiert  - das Motto das gerade in Hundepopulationen fast auf direktem Weg in die genetische Verarmung mit allen ihren Konsequenzen führt. Werden immer nur die nach Meinung der Züchter besten Tiere in der Zucht eingesetzt, werden die Folgegenerationen größtenteils durch das genetische Erbe dieser Tiere geprägt. Gene anderer Tiere gehen unwiderruflich verloren und neben den erwünschten Genen der definitionsgemäß besten Tiere verbreiten sich auch die vorhandenen zunächst verborgenen Defektgene dieser "Besten".

Gutes auswählen oder schlechtes verwerfen?

Die Verwendung der besten Tiere für die Zucht ist allerdings nicht von den Hundezüchtern erfunden worden. Seit langem ist dies das Selektionsprinzip der landwirtschaftlichen Pflanzen- und Tierzucht.

Und nach landläufiger Meinung auch das evolutionäre Prinzip der natürlichen Selektion. "The survival of the fittest" - das von Darwin postulierte Grundprinzip der Evolution wird von den meisten als das "Überleben der Stärksten" übersetzt und interpretiert.  Diese Interpretation ist aber gleich in zweierlei Hinsicht missverständlich bzw. fehlerhaft.

Ich habe die Mußestunden des letzten Sommers dazu verwendet  Charles Darwins Originalbuch "Die Entstehung der Arten" zu lesen. Und habe neben dem Erstaunen über die verständliche und spannende Schreibweise des Autors diese Missverständnisse in zahlreichen Beispielen anschaulich argumentiert und untermauert gefunden. In Darwins Buch findet sich übrigens erstaunlich viel über Hunde. Auch die heute so viel thematisierten Aspekte der Qualzucht hat Charles Darwin bereits erkannt und mit der Bezeichnung "Monstrositäten" auch sehr passend qualifiziert.

Aber sehen wir uns mal die Fehler in der Interpretation des Prinzips des "Survival of the fittest" näher an.

"Fit" bedeutet "passend"

Der erste Fehler ergibt sich aus einer fehlerhaften Übersetzung. Der Begriff "fit" bedeutet im Englischen "passend" oder "geeignet". "The fittest" ist daher nicht der Stärkste, sondern der "am besten passende". Dabei bezieht sich das "passend" auf die jeweils aktuellen Umweltbedingungen. Es muss daher nicht notwendigerweise der jeweils stärkste sein, der überlebt, sondern derjenige der an die gegebene Umwelt am besten angepasst ist. Das mag in manchen Fällen tatsächlich der Stärkste sein, in vielen andern Fällen sind es aber ganz andere Eigenschaften, die Anpassung und damit Überlebensfähigkeit bedingen. So wird z.B. in heißen Gegenden  der am besten überleben, der aufgrund einer relativ großen Körperoberfläche sich durch entsprechend gute Wärmeabstrahlung am besten vor einer Überhitzung schützen kann.  Bei Hunden sind dies z.B. die afrikanischen Windhunde, die auf Grund ihres schlanken Körperbaus, ihrer langen, dünnen Extremitäten in Relation zu Ihrer Körpermasse eine riesengroße Körperoberfläche haben. Und aufgrund dieses Körperbaus können sie auch den bei der Beutejagd entstehenden Anstieg der Körpertemperatur gut kompensieren. Je nach geographischen, klimatischen und sonstigen Umweltbedingungen sind es somit sehr unterschiedliche individuelle Eigenschaften, die das Überleben und damit auch die Möglichkeit der Fortpflanzung garantieren. So kann es je nach Lebensraum einmal eine besondere Farbe, ein andermal besondere geistige Fähigkeiten oder ein spezieller Körperbau sein, der sich als Selektionsvorteil erweist und Individuen mit diesen Merkmalen beim Überleben und der Fortpflanzung begünstigt.

Dieses Prinzip der besonderen Eignung finden wir übrigens auch in der Hundezucht überall dort, wo bestimmte Anforderungen an die Verwendung von Hunden die Zuchtwahl prägen oder geprägt haben. So beruhen viele rassetypische Formwertwerkmale ursprünglich auf der besonderen Eignung von Hunden mit bestimmten Besonderheiten des Körperbaus für bestimmte Zwecke.

Allgemein bekannt ist sicherlich die funktionelle Grundlage der kurzen Dackelbeine. Für die jagdliche Arbeit in Dachs- Fuchs- oder Kaninchenbauten eignet sich nur ein Hund, der die engen Röhren, die in diese Bauten führen, passieren kann bzw. sie bei Bedarf erweitern kann. Die kurzen Beine reduzieren somit einerseits den "Schliefwiderstand" und sind auf Grund ihrer mechanischen Stabilität bei Bedarf zudem perfekte Grabschaufeln um enge Gangpassagen effektiv zu erweitern. Der spezielle Körperbau des Dackel ist somit kein Produkt optisch orientierter Modeströmungen sondern er macht ihn besonders geeignet für die Jagd unter der Erde

Weniger bekannt sind wohl die Vorteile, die lange Hängeohren bei der Schweiß- und Spurarbeit bieten.  Die in der Bewegung hin und her baumelnden Ohren wirbeln die Duftmoleküle vom Boden auf und "fächeln" sie sozusagen der Hundenase zu. Es ist also kein Zufall, dass Schweiß- und Stöberhunde lange Hängeohren haben, sondern es beruht auf deren besonderer Eignung für das Verfolgen von Bodenspuren. 

Besonders passendes auswählen oder besonders unpassendes verwerfen?

Der zweite Fehler in der Interpretation des evolutionären Prinzips ist diffiziler und bedarf einer mehr differenzierten Auseinandersetzung mit populationsgenetischen Prinzipien.

Es mag auf den ersten Blick das selbe Prinzip sein. Ob man die besten auswählt oder die schlechtesten verwirft, es ergibt sich im Grunde immer eine ja/nein (geeignet/nicht geeignet) Entscheidung. "Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen" - diesem Prinzip folgte schon Aschenputtel in dem alten Grimm-Märchen.  Aber wenn man genauer hinschaut gibt es doch einen wesentlichen Unterschied.

Stellen Sie sich ein Sieb vor. Zunächst einmal eines mit ganz feinen Öffnungen. Und damit sieben wir nun ein Pulver, dessen Qualität sich unter anderem aus der Feinheit der Partikel ergibt. Die engen Poren unseres Siebes lassen nur die allerfeinsten Partikel durch. Ein Großteil des Pulvers bleibt im Sieb zurück. Darunter auch solche Partikel, die um ein ganz weniges zu groß für das Sieb sind, die aber in anderen Qualitätskriterien wie z.B. der Farbe, des Geschmackes oder der Löslichkeit die Anforderungen an dieses Pulver erfüllen. Wenn wir das im Sieb zurückgebliebene Pulver nun verwerfen, verwerfen wir damit auch jene Partikel, die von gutem Geschmack, von angenehmer Farbe und/oder von guter Löslichkeit sind aber eben ein kleines bisschen zu groß für die Filteröffnungen. Und wenn wir Pech haben sind unter den wenigen Partikeln, die so fein waren, dass sie durch die Sieböffnungen durch gekommen sind solche mit schlechtem Geschmack, unschöner Farbe und/oder schlechter Löslichkeit.

Nehmen wir nun ein anderes Sieb. Eines mit recht großen Öffnungen. Diese sind so groß dass nur sehr große Partikel hängen bleiben. Nun bleibt nur ein geringer Teil des Pulvers im Sieb zurück, nur jener, dessen Partikel von einer absolut unerwünschten Größe sind.  Dafür sind in dem Teil des durchgesiebten Pulvers zwar größere und kleinere Partikel, aber dafür finden wir eine bunte Mischung von Farben, Geschmackskomponenten und Löslichkeitsstufen. Und je nach Verwendung des Pulvers ist sozusagen für jeden Geschmack etwas dabei.

In beiden Fällen unseres Beispiels ist die Partikelgröße das wesentliche Selektionskriterium. Wo aber im ersten Fall nur die allerfeinsten Partikel durchgelassen werden und damit diverse andere Eigenschaften des Pulvers mit dem verworfenen Rest verlorengehen, werden im zweiten Fall nur die gröbsten Partikel ausgesiebt mit dem Vorteil des Erhalts der Vielfalt der Eigenschaften der durchgelassenen Partikel.

Und genau dieses zweite Prinzip findet sich in der Evolution und lässt sich auf den vielen hundert Seiten des Darwinschen Werkes nachlesen. In den meisten Ökosystemen lässt die natürliche Selektion einen recht großen Spielraum für Überleben und Fortpflanzung zu. Und sichert damit das Überleben einer Spezies auch dann, wenn sich die Umweltbedingungen in einem gewissen Ausmaß ändern. Nur dort wo sehr spezielle und ungewöhnliche Umweltverhältnisse vorliegen entstehen entsprechend hochspezialisierte Arten.  Deren Überleben endet aber in dem Moment in dem sich die Umweltbedingungen geringfügig verändern.

Dass diese Überlegungen nicht bloße Spekulation sind, kann man heute fast täglich in den verschiedensten Medien verfolgen. Zahlreiche hochspezialisierte Arten stehen kurz vor dem endgültigen Aus "nur" weil sich die globale Temperatur etwas erhöht. 

Und genau dieses zweite Prinzip sollte auch die Grundlage der Zucht domestizierter Tiere sein. Und ganz besonders das der Hundezucht.

Nur die besten Tiere für die Zucht zu verwenden bedeutet auf alle guten Eigenschaften der nicht ganz so perfekten Tiere zu verzichten.  Und genau so wie das Prinzip gilt: "Nobody is perfect" (auch der höchstprämierte Championrüde trägt seine genetische Bürde in Form von einer mehr oder weniger großen Zahl von Defektgenen) so gilt auch: "Kein Hund hat nur schlechte Eigenschaften". Fast jeder Rassehund hat eine mehr oder weniger großen Zahl von erhaltenswerten Eigenschaften, die der Population möglicherweise unwiederbringlich verloren gehen, wenn dieser Hund durch das kleinmaschige Sieb der Formwertorientierten Selektion nicht durch passt.

Bedeutung für die züchterische Praxis

Aktuelle Zuchtstrategien sollten sich daher auf die Frage konzentrieren, welche Fehler eines Hundes so schwerwiegend sind, dass sie einen Zuchtausschluss und damit einen Verlust des genetischen Potentials dieses Hundes rechtfertigen. Dabei sind natürlich die heute geltenden Umweltbedingungen im Sinne der Anforderungen an Hunde im modernen Lebensraum zu berücksichtigen.

Für die meisten Rassen, die in erster Linie als Familien- bzw. Begleithunde gehalten werden, werden daher die Gründe für einen Zuchtausschluss recht ähnlich sein und lassen sich daher recht allgemein formulieren:

  • genetisch bedingte gesundheitliche Probleme mit hohem Krankheitswert
  • erbliche Wesensfehler, die den Anforderungen an einen sozialverträglichen Hund widersprechen
    • Ängstlichkeit
    • hohe Aggressivität
    • niedrige Reizschwelle
    • stark ausgeprägter Jagdtrieb
    • hohe Bellbereitschaft
  • starke Abweichungen vom Rassestandard

In den meisten Zuchtordnungen finden sich übrigens sinngemäß genau diese Bestimmungen.

Für Rassen mit speziellen Verwendungsprofilen werden sich zusätzliche oder abweichende Ausschlusskriterien ergeben. So wäre z.B. für eine jagdlich genutzte Rasse ein stark ausgeprägter Jagdtrieb kein Zuchtausschlussgrund, dafür wäre z.B. für einen Apportierhund zusätzlich zu den genannten auch eine fehlende Bringbereitschaft ein Grund für eine Nichtverwendung zur Zucht.

Auch beim Prinzip des Zuchtausschlusses der am wenigsten geeigneten sind natürlich rassespezifische Besonderheiten, wie an anderer Stelle diskutiert, zu berücksichtigen.

Vielleicht wäre die moderne Rassehundezucht heute nicht so problembelastet, wenn man diese Überlegungen vermehrt in der bisherigen Rassehundezucht  berücksichtigt hätte. Und statt einer einseitigen züchterischen Bevorzugung der "Besten" sich darauf beschränkt hätte, Hunde mit groben Fehlern aus der Zucht auszuscheiden. Viele Rassen wären dann zwar nicht ganz so einheitlich in ihrem Rassebild aber sie wären mit großer Wahrscheinlichkeit gesünder.