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In der Übersicht finden Sie die ersten 1-2 Absätze eines jeden Artikels, sortiert nach Erstellungsdatum, - den neuesten also jeweils als ersten.

Angeborene Defekte - Erblich oder nicht?

Jeder Züchter kennt oder fürchtet die Situation.  Der lang erwartete Wurf ist geboren, Hündin und Welpen liegen gesäubert und zufrieden in der Wurfkiste, der Züchter sitzt mit leuchtenden Augen davor und freut sich an dem frisch geborenen Familienglück.

Und dann, auf einmal, fällt bei einem oder mehreren der Welpen etwas auf. So kann bei einem der Welpen etwas Milchschaum aus der Nase quellen,  einer der Welpen trinkt nicht richtig oder wirkt schlaff, bei einem Welpen zeigt sich eine Vorwölbung am Bauch, oder eine Hautöffnung am Rücken, ein Welpe kann verdrehte oder verkrümmte Gliedmaßen haben, oder einen Spalt quer über das ganze Gesicht ...

  • Die Liste der angeborenen Missbildungen ist lang. Manche machen sich gleich nach der Geburt bemerkbar, manche erste später. Manche lassen sich behandeln, andere wieder führen entweder direkt zum Tod der betroffenen Welpen oder machen eine Euthanasie unvermeidlich.
  • Die Frage, die sich neben der emotionalen Belastung, die ein solches Szenario in jedem Fall darstellt, für den betroffenen Züchter aber immer ergibt, ist die nach der Erblichkeit des Defektes. Und damit auch die Frage ob die Eltern des betroffenen Wurfes für eine Weiterzucht noch in Frage kommen oder besser aus der Zucht ausgeschieden werden sollten.
  • Gerade diese Frage aber ist im Einzelfall kaum jemals mit absoluter Sicherheit zu beantworten. Denn auch wenn sehr oft davon ausgegangen wird, dass jeder angeborene Defekt erblich ist, so gibt es doch auch noch andere Ursachen für angeborene Missbildungen.

Angeboren oder erworben

Es ist eine häufige Fehlinterpretation einen angeborenen Defekt als jedenfalls genetisch bedingt und einen erworbenen oder besser, später manifestierenden, Defekt als jedenfalls umweltbedingt zu interpretieren.  Richtig ist, dass der Zeitpunkt des Auftretens eines Defekt und seine Ursache zwei voneinander unabhängige Größen sind.

Zu unterscheiden sind daher:

  • angeborene Defekte: das sind Defekte bzw. Missbildungen, die sich kurz vor, während oder kurz nach der Geburt manifestieren. Sie können
    1. eine genetische Grundlage haben,
    2. können aber auch als Folge teratogener Einflüsse während der Trächtigkeit auftreten
  • erworbene Defekte: das sind Defekte, die sich zu einem späteren Zeitpunkt im Leben eines Hundes manifestieren.  Auch erworbene Defekte können
    1. eine genetische Grundlage haben oder
    2. als Folge von Umweltbelastungen auftreten. Häufig gibt es eine genetische Grundlage in Form einer speziellen Krankheitsdisposition, wobei das eigentliche Auftreten des Defektes durch eine Kombination der Disposition mit bestimmten belastenden Umwelteinflüssen bestimmt wird.

Teratogene und Phänokopien

Nicht genetisch bedingte angeborene Defekte entstehen durch den Einfluss bestimmter Umweltfaktoren auf die Zellen des wachsenden Embryos. Da solche Defekte primär nicht von gleichförmigen genetisch bedingten Defekten zu unterscheiden sind, werden sie auch als Phänokopien bezeichnet. Auch die Bezeichnung Embryopathie findet sich häufig.  Umweltfaktoren, die die Fähigkeit haben, embryonale Zellen zu schädigen, werden als Teratogene bezeichnet. Ihre Wirkung besteht in den meisten Fällen in einer Schädigung des Erbgutes von Körperzellen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer somatischen Mutation. Besonders Zellen, die gerade in Teilung begriffen sind, sind anfällig gegen die Wirkung von Teratogenen. Und da die Zellen des Embryos sich ja praktisch ständig teilen, sind sie auch ganz besonders empfindlich. Ganz besonders anfällig sind die embryonalen Zellen in jedem Entwicklungsstadium, in des sich die einzelnen Organe bilden.  In diesem Stadium differenzieren sich die Zellen des anfänglich undifferenzierten embryonalen Zellklumpens zu Zellen mit speziellen Funktionen.  Da in dieser Entwicklungsphase im Genom jeder Zelle intensive Aktivität herrscht, ist es gegenüber Störungen aus der Umwelt auch besonders anfällig. Beim Hund liegt diese besonders empfindliche Phase etwa in der Zeit zwischen dem  15. und dem 30. Trächtigkeitstag.

Zu  den Faktoren, die als Teratogene in Frage kommen gehören ganz allgemein folgende Einflüsse:

  • ionisierende Strahlen
  • verschiedenste Medikamente
  • verschiedenste Chemikalien
  • Schimmeltoxine (Aflatoxin)
  • Hyperthermie (Fieber)
  • Stress

Darüber, welche Faktoren im Einzelnen beim Hund Missbildungen hervorrufen können gibt es nur wenig Literatur. Ein kürzlich erschienener Literaturrewiev zeigt einerseits Ursachen experimentell hervorgerufener Missbildungen beim Hund auf und gibt anderseits Empfehlungen darüber, welche Medikamente beim Hund während der Trächtigkeit speziell kontraindiziert sind. 

So wurden im Experiment bei Hunden folgende Missbildungen beobachtet:

Faktor beobachtete Missbildungen
Aspirin (400 mg/kg) Gaumenspalten
Mikrognathie (Fehlbildungen des Kiefers)
Anasarka (generalisiertes Ödem der Unterhaut)
Herzmissbildungen
Rutenmissbildungen
Kortison (Kortisonacetate 25 mg/kg) Nabelbruch
Ventrikelseptumsdefekt (Loch in der Herzscheidewand)
Zonisamide (Antiepileptikum, 30 mg/kg) Ventrikelspetumsdefekt
Wirbelsäulen- und Rutenmissbildungen
Vitamin A (tägliche Überdosierung) Gaumenspalten
Ohrdeformationen
Knickruten

Folgende Medikamente sollten während der Trächtigkeit bei Hunden ganz allgemein vermieden werden:

  • Aspirin
  • Alkohol
  • Aminopterin (ein Folsäureantagonist)
  • Kortison
  • Griseofulvin
  • Hydroxyurea (ein Zytostatikum)
  • Oxytetrazyklin
  • Thalidomid
  • Vitamin A

Die gezielte Verabreichung kritischer Medikamente so wie auch die Wirkung ionisierender Strahlen z.B. im Rahmen einer Röntgenuntersuchung lässt sich während der Trächtigkeit ja vermeiden.  Problematisch wird es allenfalls dort, wo eine Hündin unkontrolliert oder unvermeidbar teratogenen Einflüssen ausgesetzt wird.

Zu denken ist hier an fieberhafte Erkrankungen in der kritischen Trächtigkeitsphase ebenso wie an die unkontrollierte Aufnahme von Schimmeltoxinen (ich denke hier z.B. an die Leidenschaft für das Plündern von Komposthaufen meiner Labradorhündin Nicoline) oder an die kriminelle Energie vieler Hunde, die auch mal eine für den Menschen bestimmte Medikamentenpackung erwischen und den Inhalt vernichten.

Da Kortison teratogene Wirksamkeit hat, kann theoretisch auch jede Form von Stress, bei dem es zu einer Steigerung der körpereigenen Kortisonproduktion kommt, zu Missbildungen der Embryonen führen.

Das Problem ist, dass man im Einzelfall niemals sicher weiß, ob eine auftretende Missbildung durch   teratogene Einflüsse entstanden ist oder auf der Basis eines genetischen Defektes. Man kann allenfalls durch etwas genetische Detektivarbeit Hinweise auf die eine oder die andere Ursache gewinnen.

Für einen genetischen Defekt sprechen folgende Hinweise:

  • im genetischen Umfeld des Wurfes ist der beobachtete Defekt bereits einmal oder mehrmals aufgetreten. Hier sind insbesondere väterliche Halbgeschwister sowie Verwandte in aufsteigender Linie von Interesse. Mütterliche Halbgeschwister oder Vollgeschwister sind insofern nicht so aussagekräftig, als diese ja zumindest ähnlichen Umweltbedingungen und daher auch gleichen teratogenen Einflüssen ausgesetzt sein können.

Für eine Phänokopie sprechen folgende Hinweise:

  • Die Hündin ist bekannter weise während der kritischen Trächtigkeitsphase einem teratogenen Einfluss ausgesetzt gewesen.

Die oben zitierte Liste von Stoffen, bei denen für den Hund teratogene Wirksamkeit bekannt ist, ist sicherlich unvollständig. Das liegt unter anderem auch daran, dass diesem Thema forschungsmäßig nicht besonders viel Aufmerksamkeit gewidmet wird. Unlängst bin ich aber auf die Webpage einer amerikanischen Universität gestoßen, die sich dieser Fragestellung widmet und die auf der Suche nach Untersuchungsmaterial ist. Der Schwerpunkt  der Forschung im Rahmen der "Canine Birth Defect Study" liegt bei den relativ häufigen Defekten Nabelbruch, Gaumenspalte und Kryptorchismus.  Gesucht werden Züchter, bei denen diese Defekte aufgetreten sind und die bereit sind einerseits einen Fragebogen auszufüllen und anderseits Blutproben betroffener und nicht betroffener Welpen zur Verfügung zu stellen. Nähere Informationen zu diesem Projekt finden Sie hier:

Canine Birth Defect Study

Mögliche Prävention

Abgesehen vom gezielten Vermeiden möglicher Teratogene setzen viele Züchter auf die Verabreichung von Folsäure vor bzw. während der Trächtigkeit. In der Humanmedizin wird Folsäure vor allem zur Vermeidung von Missbildungen des Neuralrohres wie z.B. der gefürchteten Spina bifida eingesetzt.

Eine australische Studie bei Rhodesian Ridgeback zeigt, dass durch entsprechende Gabe von Folsäure das Auftreten des bei dieser Rasse recht häufigen Dermoid Sinus reduziert werden kann. Auch wenn diese Studie zum Teil etwas kontroversiell diskutiert wird ist sie doch ein Hinweis darauf, dass Prävention angeborener Defekte möglich sein kann.

 

Es ist zu hoffen, dass dem Problemkreis von Embryopathien beim Hund auch aus wissenschaftlicher Sicht mehr  Aufmerksamkeit geschenkt wird. Sei es, dass durch gezieltere Prävention Fälle von angeborenen Missbildungen vermieden werden können, sei es dass im Einzelfall eine genauere Differenzierung zwischen genetisch bedingten und teratogenen angeborenen Missbildungen möglich wird.

Denn die gute Nachricht in diesem Fall wäre: Phänokopien werden nicht an die Nachkommen vererbt - Ein Zuchtausschluss von Verwandten wäre bei klarer Diagnosestellung daher nicht notwendig.